Friedrich Kempter


Friedrich Kempter: Regierungsbaumeister in Tübingen, Stuttgart und Reutlingen

Friedrich Kempter

25. Januar 1858
Geboren in Albershausen, Oberamt Göppingen

1879 - 1883
Studium am Polytechnikum Stuttgart

1883
1. Staatsprüfung (Hochbau), Diplom

1883 - 1886
Architekturbüro A. Müller, St. Gallen
Planung von Privathäusern und öffentlichen Gebäuden

1886 - 1887
2. Staatsprüfung

1887 - 1891
Im Dienst der königlichen Domänendirektion Stuttgart: Beteiligung an öffentlichen Bauvorhaben, zum Beispiel Restaurierung der Stiftskirche in Öhringen, Errichtung des Gefängnisses in Rottenburg

1889 - 1890
Dreimonatige Studienreise nach Padua und Verona

1891 - 1893
Bauleitung beim Bau der Universitäts-Nervenklinik Tübingen

1892
Ernennung zum Königlichen Regierungsbaumeister in Tübingen

1892 - 1895
Planung mehrerer Privatvillen in Tübingen: Gartenstraße 57, Hölderlinstraße 63,
Biesinger Straße 7
Planung einer Kegelbahn bei der Nervenklinik in Tübingen

1896 - 1899
Technischer Expeditor, dann Bauinspektor in Stuttgart

1900 - 1908
Königlicher Bezirksbauinspektor und Vorstand des Bezirksbauamtes Reutlingen
Kempter wohnt zuerst in der Leonhardstraße 29, dann in der Schulstraße 28 in Reutlingen

12. Februar 1908
Friedrich Kempter stirbt im Alter von 50 Jahren in Reutlingen

Friedrich Kempter und seine Bautätigkeit in der Reutlinger Zeit

Nach mehreren beruflichen Stationen im privaten und öffentlichen Bauwesen wurde Friedrich Kempter 1905 zum Königliche Bezirksbaumeister in Reutlingen ernannt – das wäre heute der Leiter des staatlichen Hochbauamtes. In seinen acht Reutlinger Jahren entwickelte er eine rege planerische Tätigkeit. Damals war es nämlich üblich, dass Architekten im Staatsdienst öffentliche Gebäude entwarfen. Kempter plante mehrere große und repräsentative staatliche Gebäude in den Oberämtern Reutlingen und Urach sowie einige Forsthäuser.

1901
Forstwartsgebäude in Offenhausen

1903​​​​​​
Kegelbahn beim Psychiatrischen Landeskrankenhaus Zwiefalten​​​​​
Amtsgericht in Urach
Erweiterung des Olga-Vera-Baues in Mariaberg

1903 - 190
Amtsgebäude für die Regierung des Schwarzwaldkreises in Reutlingen, Bismarckstraße 47, seit 1939 Landratsamt

1904
Kameralamt, später Finanzamt in Urach

1905
Neu- und Umbauten der Forsthäuser in Kohlstetten, Kleinengstingen und Lichtenstein sowie der Forstwartsgebäude in Gomadingen und Kohlstetten
Kameralamt in Reutlingen, Schulstraße 16, später Finanzamt, heute Kreisamt für Landentwicklung und Vermessung

1905 - 1907
Oberamtsgebäude in Reutlingen, Bismarckstraße 27, heutiges Hochbauamt

1906
Gebäude Hauptstraße 15 in Zwiefalten, damals zum Krankenhaus gehörig

1907
Forstwartsgebäude in Undingen


Das heutige Landratsamt Reutlingen

Außenansicht

Das Hauptportal des Landratsamts Reutlingen

Das Hauptportal wird flankiert von zwei Pilastern, die jeweils in der Mitte mit einer Rosette geschmückt sind und in einem kleinen ornamental geschmückten Kapitell enden. Über einem reich gegliederten Gesims erhebt sich eine mächtige Supraporte, die links und rechts von je einem kleinen Obelisken begrenzt ist. Das als Giebel ausgestaltete Mittelfeld erfüllte eine Muschel, im oberen sind vier weitere kleinere Muscheln über einem schmalen Gesims platziert. Die Glaselemente in der schweren Holztüre sind mit schmiedeeisernem Bandelwerk geschützt.


Ein nach Westen ausgerichteter Flügel mit zwei Fensterachsen und Erker

Der nach Westen ausgerichtete Flügel an der Bismarckstraße ist nicht nur mit zwei Fensterachsen länger, sondern mit dem Erker im 1. Obergeschoss auch repräsentativer gestaltet als der Flügel an der Aulberstraße. Hier befand sich die Wohnung des Regierungspräsidenten.

Innenansicht

Blick zum Eingansportal

Blick von der Ebene des 1. Obergeschosses zum Eingangsportal. Die schmale, hohe Eingangshalle ist flach gewölbt, die flachen Dienste an den Wänden liegen auf halber Höhe auf Konsolen auf. Eine Balustrade aus kunstvoll behauenem Stein, auf der gedrungene Säulen stehen, grenzt diese Ebene gegen Treppe und Eingangsbereich ab.

Konsolenschmuck

Eine der Konsolen, die mit ihren seitlich einrollenden Voluten und dem Eierstabmotiv an ionische Kapitelle erinnert. Sie ist mit einem Puttenkopf geschmückt.

Blick zum Eingang und zur Flügeltür des Großen Sitzungssaals

In das 1. Obergeschoss führt eine breite Steintreppe, die sich auf der halben Geschosshöhe teilt. Blick vom Treppenabsatz hinunter zum Eingang und hinauf zur Flügeltür des Großen Sitzungssaals. In den Zwickeln des Jochbögen der flach gewölbten Decke finden sich Malereien mit Blatt- und Blütenornamentik in Jugenstilmanier. Die Motive wiederholen sich immer wieder: Eichen-, Linden-, Lorbeer-, Wein- und Rosenblätter.

Broncierte Kapitelle mit Pflanzenornamente

Die broncierten Kapitellen an den Säulen tragen Pflanzenornamente, bekrönt von drei Kieferzapfen, die von Büscheln aus Kiefernnadeln umgeben sind - für den aufmerksamen Besucher ein Hinweis, dass er sich am Regierungssitz des Schwarzwaldkreises befindet.

Der Große Sitzungssaal

Der Saal misst rund vierzehneinhalb Meter in der Breite und zehneinhalb Meter in der Tiefe. Seine hohe Balkendecke ist an allen vier Seiten trapezförmig herabgezogen, so dass der Eindruck eines Dachgeschossraumes entsteht. Die Decke ruht auf hölzernen Konsolen, die spätmittelalterlichen Gurtträgern nachempfunden sind.
Ringsum zieht sich bis etwa in Kopfhöhe eine reich gegliederte und mit Schnitzwerk verzierte dunkle Holztäfelung aus Pitchpine, in die die Türrahmen einbezogen sind. Dem Eingangsportal ist dabei besondere Aufmerksamkeit gewidmet.
Decke und Wände sind mit Friesen, Ranken- und Blattwerk, floralen Mustern, Wappendarstellungen und Wandsprüchen bemalt wie das auch in einem Raum der Renaissance zu erwarten wäre. Auch die Motive erinnern an die Ausmalung in historischen Räumen. 
Die Wappendarstellungen machen den Sitzungssaal geradezu zum „württembergischen Saal“, denn drei seiner Wände sind von Wappen beherrscht, die das zur Bauzeit noch regierende Haus Württemberg zu verschiedenen Zeiten führt.

Innenansicht des Türsturz im Großen Sitzungssaal
[...] Der Türsturz ist wie ein Tympanon gestaltet, in dessen Feld zwei Putten mit einem Bienenkorb sitzen. Ob damit - einem Sitzungssaal angemessen - auf die wie Honig fließende Rede der Anwesenden, auf deren Bienenfleiß oder auf die Vorsorge treffende Biene angespielt werden sollte, sei dahingestellt. Möglicherweise sollen die Putten am Bienenkorb auch andeuten, dass Württemberg ein geordnetes Staatswesen ist, das sein Volk, seine Kinder mit süßem Honig nährt.

Das vierteilige Wappen der Herzöge von Württemberg (1495) und der imposante grüne Kachelofen



Fries aus geschnitzten Kiefernzweigen mit Kiefernzapfen
Den Abschluss der Täfelung bildet ein umlaufender Flies aus geschnitzten Kiefernzweigen mit Kiefernzapfen - ein weiterer Hinweis auf den Schwarzwald. Auch diese Schnitzarbeit ist vom Jugendstil beeinflusst.

Radleuchter
Zwei Radleuchter tragen je acht Lampen, dazwischen jeweils ein Schild mit dem Wappen der ehemaligen Reichsstadt Reutlingen. Die ursprünglichen Opalglaskugeln wurden bei der Renovierung 1969 durch die jetzigen Zylinder ersetzt.

Der Neubau für das Oberamt Reutlingen - heute Staatliches Hochbauamt

Das heutige Staatliche Hochbauamt (Bismarckstraße 27)

1905 plante Friedrich Kempter auch dieses staatliche Gebäude. 1907 war es bezugsfertig. Er wohnte ihm direkt gegenüber, konnte sich aber nicht lange an seinem Anblick erfreuen, denn er starb bereits ein Jahr später. Auch wenn dieser Verwaltungsbau in seinem Ausmaß und in Bezug auf den gestalterischen Aufwand nicht an die Kreisregierung herankommt, ist doch ein staatliches, repräsentatives Gebäude geworden, das Kempters Handschrift deutlich erkennen lässt. Die [...] zur Straße beherrscht der [...] mit seinem Balkon, und der Erker steht keck über der Straßenecke.

Haupteingang des ehemaligen Oberamts

Der Haupteingang zum ehemaligen Oberamt ist ebenfalls aufwendig gestaltet. 

Das Kameralamt in Bad Urach, heutiges Finanzamt

1904 war das nach Krempters Plänen erbaute Finanzamt in Urach bezugsfähig. Für diesen Bau hat sich der Architekt eher die italienische als die deutsche Renaissance zum Vorbild genommen, denn hier zeigen sich keinerlei Formen, die an den Stil erinnern.

Das Finanzamt in Bad Urach, 2011

Der Vergleich der zeitgenössischen Aufnahme mit der Ansicht von 211 zeigt, dass die beiden Seitenflügel um ein Stockwerk auf das Niveau des Mittelrisalisten erhöht wurden, was diesen in seiner Bedeutung stark beeinträchtigt.

Das Kameralamt in Reutlingen, heutiges Kreisamt für Landesentwicklung und Vermessung

1905 bezog das Kameralamt in Reutlingen seinen Neubau in der Schulstraße 16. Wieder hatte Kempter einen Eckbauplatz zu bebauen und er tat dies nach dem bereits erprobten Konzept: Bauformen im Stil der Neurenaissance, Details im Jugendstil. Dachbauten und ein moderner Anbau stören den ursprünglichen Eindruck allerdings.

Bauten für soziale Einrichtungen - Mariaberg

Olga-Vera-Haus in Mariaberg

Einer seiner ersten Aufgaben in Reutlingen war die Erweiterung des Olga-Vera-Haus in Mariaberg. Dabei orientierte er sich am Baustil des Gebäudes aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Forsthäuser

1902 kam es in Württemberg zu einer "Neuorganisation der Forstdienste", mit der eine Neueinteilung der Forstbezirke einherging. In diesem Zusammenhang wurden etliche Forsthäuser und Forstwartsgebäude neu gebaut oder umgebaut. Auch für die Planung dieser Gebäude war der Bezirksbaumeister zuständig.
Im Bezirk Kempters waren es die Forsthäuser und Forstwartsgebäude in Offenhausen, Kleinengstingen, Gomadingen, auf dem Lichtenstein, in Undingen und in Kohlstetten.
Kempter ging bei diesen eher kleinen Gebäuden von der historisierenden Bauweise ab und passte sie ihren ländlichen Umgebungen an. Ohne einen zu hohen repräsentativen Anspruch heben sie sich dennoch als staatliche Gebäude von den Bauernhäuschen ab. 

Forstwartsgebäude in Offenhausen

Das Forstwartsgebäude in Offenhausen von 1903 war Kempters erstes forstliches Gebäude. Sein Äußeres ähnelt stark demjenigen von Kleinengstingen, das noch aus dem 19. Jahrhundert stammt. Möglicherweise hat er es nur modernisiert.

Forsthaus in Kleinengstingen

Das Forsthaus in Kleinengstingen aus dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts hat Kempter 1903 umgebaut. Interessant ist die Abfolge der Baumaterialen vom Sockel aufwärts.

Forstwartsgebäude in Undingen

Das Forstwartsgebäude in Undingen von 1907 war Kempters letztes staatliches Gebäude. 

Forsthaus Lichtenstein

Forsthaus Lichtenstein (1905): Dieses Gebäude passte Kempter ganz an den "romantischen Stil" des Schlosses an.

Forstwartsgebäude in Gomadingen