Zunftbrunnen

Stadt Reutlingen

Im Jahr 1983 erhielt der aus Aachen stammende Bildhauer Bonifatius Stirnberg die Aufgabe einen Brunnen für die Ecke Wilhelmstraße/ Oberamteistraße in der Nähe des Portals der Marienkirche zu bauen.

Dessen Thema sind die zwölf reichsständigen Zünfte, die von etwa 1500 bis zu ihrer Auflösung 1862 die wirtschaftliche und politische Macht in der damaligen freien Reichsstadt Reutlingen besaßen.

Die Zünfte waren die Vorgänger der heutigen Handwerksinnungen, die der Stadt den Brunnen gestiftet haben.
 
Geschichte
Beim Ausbau der Fußgängerzone im April 1979 an der Ecke Wilhelm-/ Oberamteistraße stieß man auf einen vergessenen, sechs Meter tiefen Brunnenschacht. Seine „verkehrsgünstige“ Lage nahe der Hauswand passt hervorragend in die damaligen städtebaulichen Pläne, die eine ganze Reihe von Brunnen an diversen Plätzen vorsahen.

Auf der Suche nach Ideen wendet sich der Baubürgermeister Winfried Engels an Stirnberg, beide aus Aachen stammend, mit dessen Brunnen er schon vertraut war.

Vor Ort ließ sich der Bildhauer von der nahegelegenen gotischen Marienkirche inspirieren, blätterte in der Stadtgeschichte und schlug dann den Bogen von den zwölf Aposteln zu den zwölf Zünften der Reichsstadt. Sein Modell des Zunftbrunnens fand bei der Stadt und dem Gemeinderat spontan Beifall.

Schnell eröffnete sich jedoch ein Dilemma, denn einerseits konnten die insgesamt 42 Innungen unmöglich alle auf dem Brunnen dargestellt werden, andererseits gab es einige der 12 Reutlinger Zünfte, die die Geschicke der Stadt bis ins 19. Jahrhundert lenkten, gar nicht mehr.

Schließlich fand man einen Kompromiss, mit dem auch die Innungen zufrieden waren, die schließlich einen beträchtlichen Teil zur Finanzierung beisteuerten. Die Namen aller Handwerksverbände wurden auf der Inschrift auf dem oberen Absatz des Brunnens genannt.
 
Darstellung
Gezeigt werden zwölf Szenen mit Figuren aus Bronze, die ihrer typischen Zunfttätigkeit nachgehen.

Dies sind zum einen Berufe wie Bäcker, Metzger, und Weingärtner, die auf das leibliche Wohl ausgerichtet sind. So kann man sehen, wie der Bäcker die regionale Spezialität, den Mutschel, aus dem Steinofen holt, der Metzger setzt dagegen gerade den Hammer dazu an das Rind zu erschlagen. Der Weingärtner schneidet während der Traubenlese die Weintrauben ab, um sie dann in seiner Kiepe, einem aus Weidenruten geflochtenen Korb am Rücken, zu verstauen.
 
Andere stellen Materialien wie Leder, Pelze und feines Wollgewebe her wie der Gerber, Kürschner und Tucher oder verarbeiten diese weiter wie der Schneider und der Schuster. Bei der Darstellung des Gerber sieht man wie dieser das Leder vom Unterhaut- und Muskelgewebe entfleischt. Der Kürschner bearbeitet in seiner Szene ein Fell mit einem kleinen Schabeisen, während der Zweite Felle zusammennäht. Der Tucher hockt mit einem Webschiffchen in der Hand an seinem Handwebstuhl, der Schneider sitzt im Schneidersitz in seiner Werkstatt auf dem Tisch und näht ein Kleidungsstück.

Eine sogenannte Schneiderbüste, an der ein unfertiger Frack hängt, ist im Hintergrund zusehen. In der Abbildung des Schusters montiert dieser eine Sohle an den Schuhschaft.

Die Berufe des Schmieds und des Küfers stellen nützliche Alltagsgegenstände in Form von Wergzeugen und Fässern her. Den Schmied sieht man in seiner Darstellung mit einem Gehilfen ein Hufeisen mit Hammer und Zange bearbeiten. Der Küfer wiederum zieht einen Fassreifen über die Dauben, neben ihm stehen bereits hergestellte Waschbottiche und kleine Eimer.

Der Kärcher transportiert die Waren in und auf seinem Planwagen. Zu seinem Bestand gehören geflochtene Körbe sowie Eimer und Kochtöpfe, die er dabei ist einzuladen. Diese Waren werden dann vom Krämer im nächsten Ort verkauft. Auf seiner Theke sind ein altes Kassenregister sowie eine Waage zusehen, dahinter steht eine Kundin mit gefülltem Einkaufskorb.

Da Frauen keine Meister in Reutlingen werden konnten, ist die einzig dargestellte Frau eine Kundin. Als Ehefrau eines Meisters jedoch kümmerte sie sich unter anderem um den Verkauf, die Qualitätsprüfung, die Buchführung sowie die Versorgung der Lehrlinge und des Gesindes.